Welt am Sonntag: Kontrolle verlieren? Kontrolle gewinnen! – Oder wie Hypnose zum Heilmittel wurde

KONTROLLE VERLIEREN? KONTROLLE GEWINNEN!

 

Zu Winfried Häuser kommen Patienten, denen anderswo nicht geholfen werden konnte. Schwere Fälle. Menschen, deren Muskeln so schmerzen, dass sie nachts kaum schlafen können. Oder solche, die sich scheuen, überhaupt noch etwas zu essen: Ihr Bauch rebelliert sofort, reagiert mit Krämpfen, Blähungen, Verstopfung und Durchfall. Häuser untersucht sie und schreibt die Diagnosen auf. Fibromyalgie bei den heftigen Schmerzen: ein Syndrom, das mit großer Erschöpfung und Konzentrationsproblemen einhergeht. Bei den Bauchschmerzen ist es der Reizdarm oder eine chronisch entzündliche Darmerkrankung: Morbus Crohn etwa oder Colitis ulcerosa. Häuser ist seit über 40 Jahren Internist, er leitet die Psychosomatik am Klinikum Saarbrücken. Oft notiert er auf dem Therapieplan der schweren Fälle: medizinische Hypnose. VON FANNY JIMÉNEZ

Die Hypnose hat einen zwielichtigen Ruf, das weiß er. Viele seiner Patienten kennen nur die Bühnenshows, bei denen Magier innerhalb von Sekunden Zuschauer in einen Trancezustand schicken und sie seltsame, manchmal lächerliche Dinge tun lassen. Manche denken, das sei alles abgesprochen, Hokuspokus, Show eben, weiter nichts. Andere glauben, Hypnotiseure würden die komplette Kontrolle über andere Menschen übernehmen, alles mit ihnen machen können, was sie wollen. Beides stimmt nicht. Wer Showhypnose mache, sei deshalb bei ärztlichen und psychologischen Therapeuten sofort unten durch. Häuser ist selbst Arzt – und hypnotisiert seine Patienten selbst. Tatsächlich ist die Hypnose, wenn sie richtig eingesetzt wird, ein Katalysator für Heilungsprozesse in der Medizin und der Psychotherapie. Kein Wundermittel, aber nachweislich wirksam und sicher, dazu schnell und breit einsetzbar. Das hat zuletzt vor zwei Jahren eine umfassende Metaanalyse, die knapp 400 Studien überprüft hat, ergeben. Demnach hilft Hypnose, Schmerzen und emotionale Belastungen zu lindern, zum Beispiel bei und nach Operationen, in der Geburtshilfe oder beim Zahnarzt. Patienten brauchen nach einer Hypnose weniger Medikamente, etwa bei Migräne, Neurodermitis oder den Magen-Darm-Problemen, mit denen Häuser zu tun hat. Sogar Angststörungen und andere psychische Erkrankungen bekommt man so in den Griff. Und Hypnose wirkt bei fast allen: Die Hypnosefähigkeit, sagt Häuser, folgt der Normalverteilung: Bei zehn Prozent der Menschen funktioniert sie besonders gut, bei weiteren zehn Prozent gar nicht. Die restlichen 80 Prozent können, theoretisch, diese Methode nutzen – wenn sie es denn zulassen. EIN VERÄNDERTER BEWUSSTSEINSZUSTAND Damit sie das tun, müssen Ärzte oft erst erklären, was das denn nun eigentlich ist, diese Hypnose. Ist man wach? Oder schläft man? Weder noch, sagen die Experten dann.

Die Hypnose ist ein veränderter Bewusstseinszustand, der sich klar von anderen unterscheidet, etwa dem Wachzustand, dem Schlaf oder der Tiefenentspannung. Das kann man sogar sehen, wenn man mit einem EEG die Hirnwellen von Menschen in Hypnose aufzeichnet. Manche sagen, es sei ein Zustand ähnlich der Meditation: Die Aufmerksamkeit ist stark nach innen gerichtet, die Umgebung verliert an Bedeutung, die Wahrnehmung der Zeit verändert sich. Doch während das Ziel in der Meditation ist, an nichts zu denken, gilt in der Hypnose alle Aufmerksamkeit einem einzigen Gedanken. Dieser Gedanke kann bei Patienten von Winfried Häuser zum Beispiel sein: Meine Schmerzen sind ganz weit weg. Oder: Mein Magen kommt gut klar mit allem, was ich esse. Das mag trivial klingen, schließlich kann man solche Gedanken auch im Wachzustand fassen. Nur haben sie da bei Weitem nicht die gleiche Kraft. In der Hypnose nehmen Gehirn und Körper solche Gedanken, Experten nennen sie Suggestionen, viel besser an. Es gibt weniger Widerstand dagegen als im Wachzustand. In der Hypnose kommen keine Zweifel hoch, man denkt nicht „Schön wär’s“, „Das funktioniert bei mir nicht“ oder „So ein Quatsch“. Der Gedanke fühlt sich dort so real und wahr an, dass er einfach umgesetzt wird. Untersuchungen zeigen, dass sich unter Hypnose körperliche Reaktionen steuern lassen, die man im Wachzustand willentlich nicht beeinflussen kann, wie etwa den Speichelfluss oder die Durchblutung der Haut. Sie zeigen auch, dass sich mit der Hypnose bestimmte Hirnregionen regelrecht an- oder ausschalten lassen. Wenn es gelingt, die Hirnareale für das Schmerzempfinden zu blockieren, dann können nicht nur Fibromyalgie-Patienten nachts wieder schlafen, dann sind sogar chirurgische Eingriffe ohne Narkose möglich. Tatsächlich haben Chirurgen schon komplizierte Eingriffe am Kopf und im Gesicht so durchgeführt, weil Patienten aufgrund ihres Alters eine übliche Narkose wohl nicht mehr vertragen hätten. Eine Hypnose verändert also, wie man die Wirklichkeit wahrnimmt – ob es nun um Schmerzen geht oder um etwas anderes. Haben Menschen einmal erlebt, dass das funktioniert, ist der Grundstein für Heilprozesse gelegt. Meist machen Patienten diese Erfahrung mit einem erfahrenen Arzt oder Therapeuten, der die Suggestionen in einer etwa halbstündigen Hypnose an sie heranträgt. Später, nach zehn, maximal zwanzig Sitzungen, können Patienten diese mithilfe von Hypnose-CDs oder ganz selbstständig zu Hause wiederholen und einüben – in der Selbsthypnose. Nur etwa zehn Prozent aller Menschen reagieren gar nicht auf eine Hypnose, wie Forscher belegen konnten. Und genauso viele sind es, die extrem gut auf sie ansprechen. Die meisten Menschen aber bewegen sich im Spektrum dazwischen. Ob und wie gut eine Hypnose anschlägt, hängt dann von drei Dingen ab: der Suggestibilität eines Menschen, seiner Fähigkeit, sich auf eine Sache zu fokussieren, und seiner Fähigkeit, Kontrolle abzugeben. Suggestibilität, damit ist gemeint, wie leicht ein Mensch in die Fantasiewelt abtauchen, sich etwas bildlich vorstellen kann. Denn die Suggestionen sind oft in Bilder verpackt, die das Gehirn besonders gut verstehen und umsetzen kann. Ärzte haben spezielle Tests dazu, die sie vor einer Hypnose durchführen können. Winfried Häuser fühlt gern vor, indem er seine Patienten fragt, ob sie sich spontan einen Elefanten in roter Badehose vorstellen können – und die meisten können es. Die Fähigkeit zur Fokussierung gibt an, wie gut ein Mensch in einer Tätigkeit ganz aufgehen kann. Psychologen nennen diesen Zustand Flow: wenn man alles um sich herum vergisst, solange man mit dieser Tätigkeit beschäftigt ist. „Wenn Männer Fußball gucken, kann man das gut beobachten“, sagt Häuser. „Dann versinkt die Welt um sie herum in vollkommene Bedeutungslosigkeit.“ Diese Fähigkeit ist wichtig, um in der Hypnose bei dem einen Gedanken zu bleiben, um den es geht. Und schließlich muss der Patient bereit sein, vorübergehend die Kontrolle loszulassen, geschehen zu lassen, wie Häuser sagt. Das fällt manchen Menschen schwerer als anderen. Wenn er seine Patienten hypnotisiert, setzt er Suggestionen ein, die durchweg positiv sind. Der Reizdarm-Patient soll sich zum Beispiel vorstellen, wie schmerzstillende und glücklich machende Hormone vom Gehirn direkt in den Bauch geschickt werden. Oder er lässt den Patienten die Hand auf den Bauch legen und sich vorstellen, wie eine große Wärme von der Hand in den Körper fließt und dort Verkrampfungen löst, Blähungen verscheucht und Schmerzen lindert. Ob so ein Bild anatomisch und medizinisch korrekt ist, ist nicht wichtig – das Gehirn setzt die physiologischen Prozesse richtig um. EFFEKTIV UND SICHER Bei seinen Patienten funktioniert es. Und nicht nur bei denen. Zusammen mit Kollegen der Ludwig-Maximilians-Universität München und des Universitätsklinikums Regensburg hat Häuser 2016 eine systematische Übersicht von Studien zur medizinischen Hypnose im „Deutschen Ärzteblatt“ veröffentlicht. Sie belegt, dass Hypnose in Ergänzung zur herkömmlichen Therapie effektiv wirkt und sicher anzuwenden ist. Bei allen Erkrankungen, die von Stress und Angst mit beeinflusst werden, etwa Migräne, Neurodermitis oder Magen-Darm-Problemen, kann Hypnose helfen, so das Ergebnis. In verschiedenen Studien der Universität Tübingen zeigte sich, wie gut die Hypnose wirkt: So lag der BMI von Menschen mit starkem Übergewicht ein halbes Jahr nach einer therapeutischen Diät mit Hypnose einen halben Punkt unter dem derjenigen, die ein Diätprogramm ohne Hypnose absolviert hatten. Migränepatienten konnten in einer weiteren Studie die Zahl der Tage mit Anfällen von zwölf auf vier pro Monat reduzieren. Auch vor, während und nach operativen Eingriffen, bei der Geburtshilfe oder einer Zahnextraktion wirkt die Methode. Patienten brauchen weniger Schmerz- oder Narkosemittel, sie sind entspannter und werden schneller gesund. Bei Magenspiegelungen hilft eine Hypnose, den Würgereiz zu unterdrücken – die Untersuchungsdauer konnte dadurch um 19 Prozent verringert werden. 61 Prozent der Patienten verspürten weniger Würgereiz und erlebten die Untersuchung insgesamt angenehmer.
Ich habe lange geraucht, fast 20 Jahre. Ich habe zur Entspannung geraucht, zur Belohnung, zur Beruhigung. Und manchmal war die Zigarette auch eine Art Denkhilfe für mich. Ich wusste, dass das ungesund ist, klar. Aber wie viele Raucher habe ich mir erst Gedanken darüber gemacht, als etwas passiert ist: Bei meinem Bruder, der selbst Raucher ist, wurde Anfang des Jahres eine schlimme Diagnose gestellt. Er hatte einen fast fünf Zentimeter großen Tumor in der Lunge. Alle waren geschockt. Zusammen mit Freunden haben wir uns dann zu einem Hypnosenichtraucherseminar an der Charité in Berlin angemeldet. Das Versprechen der Therapeuten lautete: Bis zu 90 Prozent der Teilnehmerbleiben danach Nichtraucher. Bei dem Seminar, zu dem wir gegangen sind, saßen 80 Menschen zusammen in einem Hörsaal, aus allen Altersgruppen, etwas mehr Frauen als Männer. Die Hypnose war Teil des Seminars, ein Therapeut erzählte uns eine Geschichte von einem Weg, den wir uns intensiv und mit geschlossenen Augen vorstellen sollten. Für mich war die Hypnose entspannend, manche sind eingeschlafen. Es kam mir sehr kurz vor, nicht länger als zehn Minuten – dabei waren es 45. Ich kann mich immer noch gut daran erinnern, wie ich auf dem Weg die Kiesel unter meinen Füßen gespürt und Vögel zwitschern gehört habe. Und am Wegesrand standen schöne Blumen. Es fühlte sich toll an. Dieser Weg, das hatte der Therapeut erklärt, sollte der neue rauchfreie Weg sein. Ob es nun an der Hypnose liegt, dass ich seit Wochen keine Zigarette mehr angefasst habe? Ich weiß es nicht. Manchmal, vor allem morgens beim Kaffee, vermisse ich das Rauchen schon. Ich bin immer noch skeptisch, ob ich durchhalte. Noch sitzt das Engelchen, das flüstert „Lass es sein“, auf meiner einen Schulter und das Teufelchen, das sagt „Ach, eine Zigarette geht doch!“ auf der anderen. Aber ich bekomme dieses Bild von mir auf dem Kieselweg nicht mehr aus dem Kopf. Mein Bruder hat übrigens auch durchgehalten – bis jetzt.

 

Maria Schnell ist Psychotherapeutin in Berlin und setzt die Hypnose ebenfalls gern ein: für Patienten mit Angststörungen und Depressionen. Hypnotherapie nennt man diese Behandlung dann. Auch wenn die Grundprinzipien die gleichen sind wie der bei medizinischen Hypnose, gibt es einen großen Unterschied: Die Hypnotherapie ist mehr auf den einzelnen Patienten zugeschnitten. DAS GEGENTEIL VON KONTROLLVERLUST Eine Anleitung für alle auf einer CD, das funktioniert bei psychischen Problemen nicht gut. „Je individueller die Hypnose ist, desto besser wirkt sie“, sagt die Therapeutin. Bei ihr sitzt der junge Mann mit sozialer Phobie, der aus Angst vor einem anstehenden Gespräch mit seinem Chef nicht schlafen kann. Die Frau, die nicht mehr nach Mallorca in den Urlaub fliegt, weil ihre Flugangst zu groß geworden ist. Und die Patientin, die lange Umwege läuft, weil ihre Panik sie nicht mehr über Brücken gehen lässt. Die klassische Therapie sieht vor, dass die Patienten ihre Ängste konfrontieren müssen, sie durchleben müssen, immer und immer wieder. Bis der Körper spürt: Mir passiert ja gar nichts, ich brauche gar keine Angst zu haben vor dem Chef, dem Flugzeug, der Brücke. Um diese Konfrontation kommen auch Schnells Patienten nicht herum. Aber sie werden von der Therapeutin gut darauf vorbereitet. In der Hypnotherapie übt sie, mit dem Flug nach Mallorca nicht einen Absturz zu verbinden, sondern zu fühlen, wie das Meer ihre Füße umspült und die Sonne in der Nase kitzelt.

 

Die Angst vor Brücken rückt sie in den Hintergrund, indem sie in der Hypnose die Patientin ihre Lieblingsoper durchleben lässt, und im emotionalen Höhepunkt, mit Glücksgefühl, in Gedanken die Brücke überqueren lässt. Und dem jungen Mann mit der Chef Angst stellt sie in der Hypnose seine Tante zur Seite, die einzige Person, in deren Gegenwart er sich immer sicher und gemocht gefühlt hat. Wenn die Patienten dann im echten Leben ihre Angst konfrontieren, ist die schon aufgeweicht. Die Hypnose hat geholfen, ihr etwas Schönes, Sinnliches, Glück bringendes an die Seite zu stellen. Das macht alles leichter. „Hypnose kann einen psychotherapeutischen Prozess beschleunigen und die Wirksamkeit erhöhen“, sagt Schnell. Kombiniert man eine klassische kognitive Verhaltenstherapie mit der Hypnose, werden die Effekte der Behandlung teils verdoppelt, zeigen Untersuchungen. Besonders gern nutzt die Therapeutin die Methode bei einer Sorte Menschen. Jenen, die „verkopft sind, sehr im Rationalen“. Denn die Hypnose bezieht den ganzen Körper mit ein und konzentriert sich auf das Erleben statt auf das Denken. Oft sind das aber gerade jene Patienten, die der Hypnose eher skeptisch gegenüberstehen, weil sie Angst haben, die Kontrolle zu verlieren. Meist kann Maria Schnell sie überzeugen, es wenigstens zu versuchen. „In der Hypnose verliert man nicht die Kontrolle“, sagt sie. Ganz im Gegenteil. Man gewinne sie – indem man seine eigenen Stärken nutze, um sich aus einer vermeintlichen Sackgasse zu befreien.

 

 

KERSTIN STRECKER
© WeltN24

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